Die Geschwindigkeit des Wandels – sei es durch technologische oder politische Entwicklungen oder durch Krisen – hat eine Qualität erreicht, die mit klassischen Management-Instrumenten und gewohnten Denkweisen kaum noch greifbar ist. Führungskräfte stehen heute vor der Herausforderung, in einem permanenten Zustand der Ungewissheit handlungsfähig zu bleiben. Was dabei oft vergessen wird: Sie sind auch “nur” Menschen.

Ich beobachte in meiner Rolle als Vortragsredner bzw. den Gesprächen im Anschluss an meine Vorträge oft, dass wir uns in der Analyse der Probleme verlieren, alles richtig verstehen wollen und statt Klarheit immer stärker von Unsicherheiten geprägt sind. Das wirkt sich auch auf die Mitarbeitenden aus. Wenn das Zielbild im Außen verschwimmt, brauchen wir einen stabilen Richtungssinn im Inneren.

Um in diesen Zeiten echte Orientierung zu bieten, müssen wir Führung auf vier wesentlichen Säulen neu aufbauen, die diesen Richtungssinn wiederherstellen:

Weitsicht: Den Wandel anführen statt den Status Quo bewahren. Echte Weitsicht bedeutet zu erkennen, wann wir eine Grenze erreicht haben. Viel zu oft optimieren wir Details oder versuchen mit immer mehr Kontrolle ein Verständnis für das Problem zu entwickeln. Währenddessen hat sich das Umfeld bereits fundamental verschoben. Richtungssinn entsteht hier durch die ehrliche Frage: Verteidigen wir gerade das Gestern oder gestalten wir das Morgen?

Mut, um Identität zu klären und Verletzlichkeit zuzulassen. Transformation erfordert den Mut, die Frage nach der Identität bzw. dem Zweck unseres Tuns zu stellen. Dieser Zweck ist der Kern jedes Richtungssinns. Deshalb bedeutet Führung heute, Unbequemes auszusprechen, auch wenn man selbst noch keine Antwort hat.

Denkmuster: Die Komfortzone verlassen. Unser Gehirn ist auf Sicherheit programmiert, was leider zu oft dazu führt, dass wir Erfolgsrezepte zu lange wiederholen. Echter Richtungssinn braucht die Freiheit von alten Denkmustern. Dies bedeutet auch, dass Mitarbeitende und Teams wirklich ermutigt werden, alles zu hinterfragen und ergebnisoffen zu arbeiten.

Neugier: Vom Kontrolleur zum Ermöglicher. Das Festhalten am Bekannten ist oftmals das größte Risiko – individuell wie auch als Unternehmen. Es gilt, sich selbst an die eigene Neugier zu erinnern, sie vorzuleben und gemeinsam mit dem Team Räume zu schaffen, in denen Beobachten und mutiges Ausprobieren wichtiger sind als starre Kontrolle. Neugier ist der Treibstoff, der den Richtungssinn lebendig hält.

Fazit: Richtungssinn durch eine neue Haltung. Wir brauchen die eigene wertebasierte Klarheit, die eigene Urteilskraft und die Zuversicht, Zukunft mutig zu führen. Führung in komplexen Zeiten ist die Einladung, den Wandel nicht als Bedrohung, sondern als Raum für Gestaltung zu begreifen.

Andreas Huber ist Keynote Speaker für Wandel und hält auch Vorträge zu Führung in komplexen Zeiten